Porzellantasse - ein Geschenk der evangelischen Kirchengemeinde Stollberg Foto: R. Rockel

Pfarrfamilie Denhard – Signatur 8SL 063

In einer kleinen Ausstellung im Foyer des Landeskirchenamtes präsentiert das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Zeit einige Stücke aus dem neu verzeichneten Bestand 8SL 063 und zeigt damit, dass manche seiner Bestände mehr zu bieten haben als Schriftstücke.

Der Bestand kam im Jahr 2003 an das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland. Diese Sammlung zur Familiengeschichte der Pfarrerfamilie Denhard entstand im Laufe der genealogischen Forschungen des Pfarrers i.R. Eckhard Goldberg, der das Material dann an das Archiv weitergab.

Es umfasst einen Zeitraum von fast zweihundert Jahren: Das älteste Dokument stammt von 1715, das jüngste von 1909. Alle Stücke sind sehr gut erhalten. Interessant ist der Bestand aber nicht nur in genealogischer Hinsicht. Die Dokumente, Briefe, Zeugnisse und vieles mehr bieten einen lebendigen Einblick in das Leben und die Mentalität reformierter Pfarrer und Gemeinden in dieser wechselvollen Zeit von der katholischen pfalz-neuburgischen über die französische bis zur preußischen Herrschaft. Besonders deutlich zeigt sich die Praxis von Berufung und Pfarrstellenbesetzung.

Einen Eindruck von den sich verändernden Lebensumständen vermittelt die Bestätigungsurkunde vom 7. Oktober 1751, in der der katholische Landesherr Pfalzgraf Carl Theodor seine Zustimmung zu der Wahl Johann Valentin Denhards zum Prediger der Gemeinde Gemarke erteilte. Nur wenig mehr als 50 Jahre später war ein Passierschein der französischen Regierungsbehörden notwendig, um die weit verzweigte Verwandtschaft rechts des Rheins zu besuchen.

Wahlkarte des Kandidaten der Theologie DenhartFoto: R. Rockel 

Besonders gut dokumentiert ist der Lebensweg des Wilhelm Valentin Denhard. Er wurde am 9. Oktober 1758 als Sohn des reformierten Pfarrers Johann Valentin Denhard in Gemarke geboren. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und studierte Theologie in Duisburg und Marburg. Das Prüfungswesen lag damals bei den Synoden. Wilhelm Valentin legte sein Examen 1777 vor der Elberfelder Classis ab. 1778 wurde er an die Gemeinde Stolberg berufen, den Herkunftsort seiner Ehefrau Ida Gertrud Schleicher. Bis zu seinem Tod am 30. September 1798 blieb er in Stolberg. Besonders bemerkenswert ist die Überlieferung zu seiner Berufung an die Hochdeutsche reformierte Gemeinde in Amsterdam im Jahr 1791, die er erst annahm und dann - zum Entsetzen der Amsterdamer - aber doch ablehnte.

Enthalten sind zahlreiche Briefe von Denhards Verwandten in Amsterdam, die sich offenbar bei der dortigen Gemeinde für ihn verwendet hatten. Die früheren enthalten detaillierte Schilderungen der Entwicklungen bei der Wahl, später – nach der Ablehnung der Berufung – bringen sie das Entsetzen über dieses Verhalten zum Ausdruck. Auch Bittbriefe der Amsterdamer Gemeindeältesten sind erhalten, in denen sie – vergeblich - versuchten, Wilhelm Valentin Denhard doch noch zur Annahme zu bewegen.

In der Amsterdamer Gemeinde sorgte Denhards Ablehnung wohl für einen kleinen Skandal. Für Wilhelm Valentin Denhard aber endete die Angelegenheit vorteilhaft: Das Presbyterium in Stolberg belohnte ihn für sein Bleiben mit einer Gehaltserhöhung und schenkte ihm außerdem eine wertvolle Porzellantasse, die der Legende nach mit Golddukaten gefüllt gewesen sein soll.

Wilhelm Valentin war ein typischer Vertreter neuzeitlicher, reformierter Pfarrerfamilien im Rheinland: mit ausgeprägtem Traditionsbewusstsein und weit verzweigten Beziehungen zu einflussreichen Familien des protestantischen Bürgertums im Rheinland und darüber hinaus.

Für die Erforschung neuzeitlich-evangelischer Kirchengeschichte könnte dieser Bestand damit eine gute Basis bieten.

Superintendent Gustav Bender - Scherenschnitt Foto: R. Rockel